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Sonntagsgruß

Ab dem 25. Oktober 2020 beginnen wir wieder mit regelmäßigen Gottesdiensten. Daher beschließen wir damit den wöchentlichen 'Sonntagsgruß' hier auf unserer Website.
Wir würden uns freuen, wenn diese sonntäglichen biblischen Betrachtungen Ihnen in den vergangenen Wochen gefallen haben, grüßen ganz herzlich und wünschen Ihnen Gesundheit und Gottes Segen.


Mögest du starke Wurzeln haben, die dich halten
in den wechselhaften Winden der Zeit.
Möge Freude stets dein Herz erfüllen.
Gottes Kraft sollst du spüren alle Zeit.
Irischer Segenswunsch

Sonntag | 18. Oktober 2020

Heute die Geschichte vom blinden Bartimäus – aus dem Lukasevangelium im Neuen Testament (Kapitel 18)
Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, saß dort ein Blinder am Straßenrand und bettelte. Er hörte die Menge vorbeiziehen und fragte, was da los sei. Er erfuhr, dass Jesus aus Nazareth vorbeikomme. Da rief er laut: „Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!“ Die Leute, die Jesus vorausgingen, fuhren ihn an, er solle still sein; aber er schrie nur noch lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Jesus blieb stehen und ließ ihn zu sich holen. Als er herangekommen war, fragte ihn Jesus: „Was soll ich für dich tun?“ Er antwortete: „Herr, ich möchte wieder sehen können!“ Jesus sagte: »Du sollst sehen können! Dein Vertrauen hat dich gerettet.“ Sofort konnte der Blinde sehen. Er pries Gott und folgte Jesus. Und das ganze Volk, das dabei war, rühmte Gott.

AUF WIEDER SEHEN

Wie lange hatte Bartimäus darauf gewartet, dass er endlich sehen kann, dass da ein Arzt, ein Wunderheiler ihm das Augenlicht wieder schenken kann. Ja wirklich, ein wahrhaftiges Geschenk.
Also, ein ganz forscher Typ dieser blinde Bartimäus. Möglicherweise auch noch gar nicht so alt. Vielleicht 19 oder so. Junger Mann. Er schreit rüber zu Jesus, der da an seinem Bettelplatz – wir sind in einem Vorort von Jericho vor der Kirche, also der Synagoge – mit vielen Leuten vorbei geht. Die fahren ihn an: er solle doch nicht so laut schreien, das gehöre sich nicht. Ist ihm aber egal. Er schreit und – hat auch Erfolg damit: Jesus hört‘s und - das Weitere ist bekannt.
„Herr, ich möchte wieder sehen können.“ Wieder! Aha. Also konnte er ja mal sehen und ist dann erblindet. Vielleicht eine schwere Krankheit, vielleicht ein Unfall? Wer weiß?
Seit einigen Jahren hockt er also da vor der Synagoge, verdient sich sein Geld durch Betteln. Der Platz hier ist gewissermaßen reserviert für Seines-gleichen. Ein frommer Jude hat nun mal die religiöse Pflicht, den bedürftigen Blinden und anderweitig Behinderten etwas zu geben, – nicht viel, aber dass es langt für eine tägliche Mahlzeit und einen Schlafplatz im Heim. Das ist so sein Alltag, seine Lebensperspektive. Geträumt hatte er schon von was anderem und dabei auch vom Wieder-sehen-können.

Und jetzt die Begegnung mit Jesus. Er hat es einfach mal versucht. Hat einfach richtig laut gerufen. Da hat er keine Hemmungen. Was scher‘n ihn die Leute.
Ja, er hatte viel gehört von dem diesem Jesus - Prediger, Wunderheiler – und mehr als einmal auf eine Begegnung mit ihm gehofft. Und dann jetzt das, dieses großartige Geschenk: „Du sollst sehen können! Dein Vertrauen hat dich gerettet.“ und „sofort konnte der Blinde sehen.“ Wahnsinn!

Das war vorgestern. Jesus und seine Leute sind heute weiter gezogen. Der nächste größere Ort ist Bethanien. Den wollen sie heute erreichen. Es ist früher Abend, gute Zeit in der einsetzenden Kühle noch die Kilometer bis dahin zurückzulegen. Sie werden dort erwartet, bei Freunden unterkommen.
Sie gehen schweigend. Und so hören sie ganz deutlich das Rufen von ganz weit hinter ihnen: „Jesus, Jesus, Sohn Davids! Haaallo! Wartet! Bleibt mal stehen!“
Ja, die laute Stimme kannten sie doch. Wer war das noch mal? Das war doch der…ja, richtig: der Blinde vom Synagogenplatz da bei Jericho, dem der Rabbi die Augen geöffnet hat. Unverkennbar. Was will der denn jetzt? Na, lass mal hören.

Es dauerte einen Moment bis Bartimäus die Gruppe im Laufschritt erreicht, er ausgeschnauft und sein Atem sich halbwegs so beruhigt hatte, dass er sein Anliegen vorbringen konnte: Also - er habe sich ja riesig gefreut und sei auch Jesus unendlich dankbar, dass er ihm das Augenlicht wieder gegeben habe. Er habe auch gleich gespürt und auch darauf vertraut, dass er in ihm wirklich einen Gesandten Gottes vor sich habe. – Zu Beginn hätten ihm die Augen noch sehr wehgetan, weil die das helle Tageslicht ja nicht gewohnt waren, und er habe an diesem Tag das Wunder auch mit anderen schön gefeiert. – Am nächsten Tag habe er aber in alter Gewohnheit wieder seinen Platz vor der Synagoge einnehmen wollen, doch da hätten seine Behindertenkollegen ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sein Platz nicht mehr hier an diesem Ort ist und dass er jetzt als Gesunder auch kein Recht mehr auf Bettelei, fromme Almosen und den Platz im Heim habe. – Und das sei ja doch ein Schock für ihn gewesen. Was solle er denn jetzt anstellen? Das ist doch sein Platz und sein Einkommen für die schmale Mahlzeit und das nächtliche Strohlager. Von was soll er denn jetzt leben, wo soll er denn hin? Er habe ja nichts gelernt und auf dem Arbeitsmarkt gebe es nichts und für so jemand wie ihn erst recht nichts. Fast in einem Atemzug bringt er all das heraus. Pause.

Bartimäus schaut in die Gesichter der Leute, die jetzt um ihn und Jesus einen Kreis gebildet haben. Die freundliche Stimme von Jesus bricht das Schweigen: „Und was soll ich für dich tun?“ Einer aus dem Kreis fragt dazwischen: „Soll der Rabbi dich wieder blind machen?“ Die andern schauen missbilligend. „Tschuldigung!“, murmelt der.
Bartimäus: „Nun ja, ich würde gern was Richtiges können. So einen Beruf, verstehst du. Dass ich eben was anfangen kann.“ Einer der Umstehenden: „Nun, du kannst doch sehen.“ Bartimäus: „Ja, schon. Aber…“ Pause.

Jesus: „Ich bin kein Zauberer. Ich kann mit Gottes Hilfe dir die Augen öffnen, dass du die Welt um dich herum, das Leben, die Menschen neu und anders siehst. Aber was du jetzt daraus machst, das kann ich dir nicht so einfach abnehmen. - Schau mal, du bist jung, du kannst jetzt klar sehen, du kannst mehr als du denkst und du kannst noch was lernen. Gelernt hast du bereits, mit wenig auszukommen. Das ist sehr gut. Das sind gute Voraussetzungen. Meinen und Gottes Segen hast du.“

Bartimäus hört sich das an, denkt nach: „Vielleicht könnte ich ja mit euch gehen. Ihr lebt doch auch von dem, was die Leute euch zukommen lassen.“ Jesus: „Gerne. Schließ dich uns an. Wir können dir aber nichts versprechen. Und einfacher wird es sicher auch nicht. Eher im Gegenteil. Überleg es dir. - Du kannst mir und Gott allerdings auch nachfolgen, wenn du in deiner Stadt bleibst, deinen Nächsten liebst, wie dich selbst, und alles tust, dass Gottes Wille geschehe und sein Reich komme, damit es in der Welt gerechter zugeht.“
Pause. Alle schauen ihn an.
„Hm. Vielleicht hast du ja Recht. In Jericho kenne ich auch mehr Leute. Da lässt sich vielleicht was machen. Ja, ja. - Mal seh‘n.“
Jesus legt die Hände auf seine Schulter, eine halbe Ewigkeit umarmt er ihn. - Dann steht Bartimäus wieder da, irgendwie befreit, winkt noch einmal in die Runde und machte sich auf den Heimweg. Jesus und die Seinen schauen ihm noch eine Weile nach. „Auf! Weiter geht’s.“ Es waren noch einige Kilometer bis Bethanien und die Sonne stand schon tief.


Es grüßen Sie herzlich
Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn


Falls Sie zu den Sonntagsgrüßen eine Rückmeldung geben möchten, können Sie das bitte gerne tun an: volkmarhahn(at)gmx.de.

Sonntag | 11. Oktober 2020

Kurz bevor das Volk Israel - nach 40jähriger Wanderschaft durch die Wüste - davor steht Kanaan, das gelobte Land, zu erreichen, redet Mose (so die biblische Überlieferung) noch mal eindringlich auf seine Leute ein (5. Mose, 30):
Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust…
Und dies ist's, was ich dir heute gebiete: dass du deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und Gott, wird dich segnen.



LEBEN GEBEN

Gott lieben heißt doch, alles Leben lieben
und allem Leben so ein lebenswertes, weil liebenswertes Leben geben.
Was sollst du mehr? Das ist dir doch bekannt.
Das ist doch nicht weit her geholt, das liegt doch ganz nah auf der Hand.

Gott lieben heißt doch, alles Leben lieben
und liebenswertes Leben geben.
Mal beispielsweise Trost zu geben
Rückhalt, Schutz und Hilfe geben,
Fehler, Schwächen zuzugeben.
Was sollst du mehr? Das ist dir doch bekannt.
Das ist doch nicht weit her geholt, das liegt doch ganz nah auf der Hand.

Gott lieben heißt doch, alles Leben lieben,
zum Beispiel dafür einen Plan, die Richtung vorzugeben,
im ermüdenden Streiten des Alltags eben,
doch nie im Glauben nachzugeben;
heißt doch, denen die sich auf Flucht begeben,
einen wirklich sicheren Hafen geben.
Was sollst du mehr? Das ist dir doch bekannt.
Das ist doch nicht weit her geholt, das liegt doch ganz nah auf der Hand.

Gott lieben heißt doch, alles Leben lieben:
Beispielsweise von unserm Wohlstand abzugeben,
Gewohnheiten, die schaden, aufzugeben,
dem Hass und Lieblosen keine Chance geben
aber Wald, Wasser, Luft und Leuten eine Zukunft geben.
Was sollst du mehr? Das ist dir doch bekannt.
Das ist doch nicht weit her geholt, das liegt doch ganz nah auf der Hand.

Gott lieben heißt doch, alles Leben lieben.

(Und auch mal einen auszugeben.)

Es grüßen Sie
Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn


Sonntag | 4. Oktober 2020 | Erntedankfest

Zum heutigen Erntedankfest einige Verse aus dem 145. Psalm:
Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen. Gott ist gerecht in allen seinen Wegen und gnädig in allen seinen Werken.


ERNTEDANK - BITTERDANK

Aller Augen warten auf dich...

Wer in Deutschland Lebensmittel aus dem Müll eines Supermarktes fischt, begeht Diebstahl. Menschen, die Lebensmittel vor dem Wegwerfen retten wollen, müssen weiter damit rechnen, als Diebe verurteilt zu werden. Zwei Studentinnen aus Oberbayern hatten Verfassungsbeschwerde gegen Urteile in Vorinstanzen eingelegt, sind aber in Karlsruhe gescheitert. Der Gesetzgeber dürfe grundsätzlich auch das Eigentum an wirtschaftlich wertlosen Sachen strafrechtlich schützen, teilten die obersten Richter mit. (Az. 2 BvR 1985/19)

...und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.

Die jungen Frauen hatten nachts in Olching bei München Obst, Gemüse und Joghurt aus dem Müll eines Supermarktes gefischt. Mit dem "Containern" wollten sie dagegen protestieren, dass Geschäfte massenweise noch genießbare Lebensmittel wegwerfen. Weil der Container verschlossen zur Abholung bereitstand, hatte das Amtsgericht Fürstenfeldbruck die Studen-tinnen im Januar 2019 wegen Diebstahls zu jeweils acht Sozialstunden sowie einer Geldstrafe von 225 Euro auf Bewährung verurteilt. Das Bayerische Oberste Landesgericht bestätigte dieses Urteil im Oktober.
Unterstützt von der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) legten die Frauen im November 2019 Verfassungsbeschwerde gegen ihre Verurteilung wegen Diebstahls ein.


Du tust deine Hand auf...

Der Beschwerde widersprach das Bundesverfassungsgericht: Die Auslegung der Fachgerichte verstoße weder gegen das Willkürverbot noch sei ihre Beweisführung verfassungsrechtlich zu beanstanden, erklärten die Richter. Sie mahnten aber gleichzeitig eine politische Entscheidung an: Es sei grund-sätzlich Sache des Gesetzgebers, den Bereich strafbaren Handelns verbindlich festzulegen.
Die deutsche Regierung hat sich das Ziel gesetzt, die Lebensmittelver-schwendung bis 2030 zu halbieren, hat dafür aber keine konkreten Maßnah-men, geschweige denn ein Gesetz geplant. Ernährungsministerin Julia Klöckner setzt auf Aufklärung: Vorgesehen sei unter anderem, mit Unter-nehmen, Verbänden, Ländern und Wissenschaft konkrete Maßnahmen auf freiwilliger Basis zu erarbeiten. Strafen wie in anderen europäischen Ländern sind hier aber nicht geplant.


...und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.

Selina Juul aus Dänemark mahnt dann noch, es seien nicht nur die Staaten, die handeln müssen, sondern jeder für sich. Ihr Appell: "Schaut zuerst in Euren Kühlschrank. Esst das, was Ihr schon habt. Kauft nur das, was Ihr braucht. Benutzt das, was Ihr gekauft habt. Wenn Ihr zu dritt seid, kocht nicht für fünf! Und liebt Eure Reste!"

Gott, unser täglich Brot gibst du. Wir danken dafür - und können so manches nicht verstehen.
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Quellen: Die Bibel/Psalmen + tagesschau.de vom 05.06.2019

Es grüßen Sie
Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn

Sonntag | 27. September 2020

Es waren schlimme Zeiten für die junge, anwachsende christliche Gemeinde damals im alten Rom. Sie lehnte die religiöse Verehrung des Kaisers als eine göttliche Person ab. Allein Christus war das Zentrum ihres Glaubens.
Als nun das große Feuer ausbrach, das halb Rom zerstörte, brauchte Kaiser Nero Schuldige für diesen Brand. Dafür boten sich die Christen an. Viele von ihnen wurden verhaftet und zu grausamen Todesstrafen verurteilt. Darunter wohl auch der Apostel Paulus, der aus dem Gefängnis heraus noch seinem vertrauten Mitstreiter mit Namen Timotheus in einem Brief unter anderem schrieb (2. Timotheusbrief 1,7):


„Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Selbstüberwindung. Bekenne dich also offen und ohne Scheu zur Botschaft Gottes und auch zu mir, der ich sein Gefangener bin, und leide mit mir für das Evangelium! Gott gibt dazu die Kraft.“


BEKENNE DICH OFFEN UND OHNE SCHEU ZUR BOTSCHAFT GOTTES

Ja, ja, eigentlich. Du hast ja Recht. Ich sehe das auch so. Die Themen brennen und wir sollten nicht ruhen, uns zu engagieren, zu protestieren, unsere Meinung zu manifestieren. Sollten wir - eigentlich.
Ja, ja. Früher habe ich auch mehr. – Ja ich finde es großartig, wenn die jungen Leute heute… Verstehst du? Ja, man müsste sich sicherlich mehr und es müssten sich sicherlich auch mehr engagieren, auf die Straßen gehen, sich auflehnen, protestieren, sich konsequenter zeigen in allen Lebensbereichen: gegen die Missstände, den Wahnsinn, das Elend, die Zerstörungen und die die ganzen Potentaten und Idioten, die dies zu verantworten haben. Ja.
Und da gibt’s ja auch gute Initiative: für die Flüchtlinge, gegen Rassismus, für Natur und Klima, gegen Gewalt gegen Kinder und Frauen, für Bildung und Demokratie, gegen… Ach, du weißt selbst, die Liste ist lang.
Ohne Frage: Ich müsste eigentlich, man sollte…

GOTT HAT UNS NICHT EINEN GEIST DER VERZAGTHEIT GEGEBEN

Ja, gut. Also leicht daher gesagt. Weißt du, das ist auch nicht immer so einfach. - Das klappt manchmal einfach terminlich nicht. - Da fühle ich mich mal auch überfordert und weiß nicht, wo ich anfangen soll. - Ja nun, da sind auch Unannehmlichkeiten und Nachteile zu berücksichtigen. - Und das ist auch vielleicht anstrengend und ich muss befürchten, dass es mir Nachteile bringt. - Und da ist die Familie, der Job und andere Verpflichtungen. - Und Urlaub brauch ich auch. Und auch mal Abstand von Allem. Ich muss es mir auch mal gut gehen lassen. - Ich fühle mich da gefordert aber auch gelegentlich überfordert. So stark bin ich nicht. - Und die da oben machen doch sowieso immer weiter. Is doch wahr! Oder?
Ich bin auch erschöpft und weiß auch nicht mehr so genau, was das so bringt.

LEIDE MIT MIR FÜR DAS EVANGELIUM

Ja, es ist fürchterlich, dass Leute, die sich für eine gerechte und menschliche Welt und den Willen Gottes dafür einsetzen, inhaftiert, gefoltert und verfolgt werden. Ich fühle mit und es treibt mir die Tränen in die Augen und Fassungslosigkeit ins Herz. Das darf um Gottes Willen nicht sein.
Aber wir sollten bei allem Protest nicht ‚leiden‘ für das Evangelium, für die gute Sache. Das Evangelium ist eine frohe Botschaft. Das Engagement dafür wird Anstrengung, Nachteile und leidvolle Erfahrungen mit sich bringen, soll aber auch durchaus auch eine Lust und Stolz machen - und auch mal eine Party sein dürfen. (Aber zur Zeit bitte mit Abstand und Hygienekonzept!)

GOTT GIBT DAZU DIE KRAFT

Gott gibt die Kraft, dass da auch neue Anläufe möglich sind, dass Geduld nicht zur Enttäuschung und Resignation wird, dass es sich irgendwie doch lohnt und man einfach nicht anders kann. Auch wenn’s wirklich manchmal so zäh ist. Is doch wahr! Auf geht’s!
Sein Reich komme, sein Wille geschehe!

Es grüßen Sie
Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn


Sonntag | 20. Septemper 2020

Heute ein Bibeltext – viele tausend Jahre alt – der aus damaliger Sicht schildert, wie das mit dem Menschen so angefangen hat und was diesen eigentlich – vielleicht damals wie heute – in seinem Innersten bewegt: 1. Buch Moses, Kapitel 2.

Es war zu der Zeit, da Gott Erde und Himmel machte. Da machte Gott den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Lebensgeist in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. - Und Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.


DIE SACHE MIT DEM PARADIES: KLEINE ANFRAGEN

GOTT: So, mein lieber Mensch, das ist das Paradies hier, wenn du dich mal umguckst. Das ist das Reich, das ich für dich bereitet, das ich für dich vorgesehen habe. Hier bist du eins mit dir, eins mit all den deinesgleichen, mit deiner Umwelt, bist eins mit der Natur und – weil es ja auch mein Reich ist – eins mit mir.
Hier kann Spaß sein und Lieben und Leben und Genießen und Streiten und Trauern und Spielen und Erfinden und Arbeiten und-und-und. Und Frieden und Gleichheit. Ach, was erzähl ich alles. Du spürst es ja selbst. Also, hier ist der Platz dafür. Dir zum Geschenk. Ja!
Du musst es jetzt bauen und bewahren. Also bitte!

MENSCH: Danke, mein Gott. Das ist wirklich großartig. Ich bin jetzt noch ganz neu hier und von meiner Erschaffung noch etwas durcheinander, aber wenn ich mich so umsehe und wahrnehme und fühle, dann spüre ich eine unfassliche Lust, Ruhe, Neugier und Offenheit für das, was du, Gott, da für mich zur Verfügung stellst. Ich kann das in diesen über mich einstürzenden Eindrücken noch nicht so genau definieren, aber ich sollte, was mich bewegt, als Glück und Dankbarkeit benennen. Hast du großartig gemacht. Danke!

GOTT: Wie gesagt, mein lieber Mensch, ich vertraue dir dieses Paradies an. Du bist dafür bestimmt – das versichere ich hiermit. Es ist deins – oder besser: unsers. Und das gilt für immer. Und egal wie deine, wie unsere Geschichte so weiter geht: Das Bild von diesem paradiesischen Reich wird dich immer begleiten.
Aber wie gesagt, du musst diesen, unseren Garten bebauen und bewahren. Sonst wird das nichts. Also, das ist auch klar. Ja?

MENSCH: Ja, klar. Habe verstanden. – Aber da muss ich jetzt doch noch mal nachfragen: Kann ich das denn auch? Hab ich auch die Fähigkeiten und Kompetenzen dazu? Also, ich bin jetzt grad mal ganz frisch hier auf der Welt und weiß nicht, ob ich das auch hinbekomme.
Also, wie soll ich sagen: Da wird es möglicherweise auch andere paradiesische Angebote geben, die mir den Blick hier auf dein Reich verstellen. Also, ich greif da mal vor, aber wie soll ich da denn unterscheiden bei den ganzen Möbelparadiesen, Fitness- und Wellness-, Computer- und Kleintierparadiesen, den Kinder- und Freizeit- und Kleingarten- und Getränke- und Ferienparadiesen und was sonst noch? Hast du, Gott, mich auch stark gemacht, da den richtigen Weg zu finden bei all den Verführungen zu Macht, Besitz, Konsum und Kampf? Ich ahne, dass ich da aus diesem Garten hier ausbreche, weil ich alles, alles und alles Weitere und Üble entdecken will. Und verliere ich da das Paradies, diesen Garten nicht hier?
Also wenn ich so schwach bin, das mit dem Paradies nicht hinzukriegen, dann ist da bei deiner Schöpfung also doch eine Systemfehler drin. Wenn ich das nicht schaffe, liegt es doch an dir. Oder?

GOTT: Tja, mein lieber Mensch, eieiei, kaum auf der Welt schon wird diskutiert. Ja, unsere Geschichte wird nicht einfach.
Du hast es so gewollt, dass du selbst entscheiden willst, was du tust. Du willst deinen freien Willen. Gut. Den hast du von mir bekommen – und auch die Fähigkeit zur Erkenntnis, was Gut und Böse ist. Dann bist du zwar mein Geschöpf, aber auch mein Partner. Du wolltest es so.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als dir das Bild von dem Paradies, von meinem, nein, von unserem Reich, für das du bestimmt bist, auf ewig in deinem Herz und deinem Geist lebendig zu halten. Du wirst das dann mal Sehnsucht nennen. -
Nur Sehnsucht allein macht traurig. Versuche sie zu erfüllen. Du wirst auch viel Spaß da erleben – und mehr. Ich bin bei dir.

Es grüßen Sie Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein- Gerau
und Volkmar Hahn


Sonntag | 13. September 2020

Hanns Dieter Hüsch
GEIST - REICH


Gott ist nicht leicht, Gott ist nicht schwer
Gott ist schwierig ist kompliziert ist hochdifferenziert
Aber nicht schwer

Gott ist das Lachen nicht das Gelächter
Gott ist die Freude nicht die Schadenfreude
Das Vertrauen nicht das Misstrauen

Gott gab uns den Sohn um uns zu ertragen
Und er schickt seit Jahrtausenden den Heiligen Geist in die Welt
Dass wir zuversichtlich sind
Dass wir uns freuen
Dass wir aufrecht gehen ohne Hochmut
Dass wir jedem die Hand reichen ohne Hintergedanken
Und im Namen Gottes Kinder sind
In allen Teilen der Welt
Eins und einig sind

Und Phantasten dem Herrn werden
Von zartem Gemüt
Von fassungsloser Großzügigkeit
Und von leichtem Geist

Ich zum Beispiel möchte immer Virtuose sein
Was den Heiligen Geist betrifft
so wahr mir Gott helfe.
Amen

Es grüßen Sie Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn (z.Zt. im Urlaub)


Sonntag | 6. September 2020

Nun, der Bibeltext für den heutigen Sonntagsgruß steht im 3. Kapitel vom Markusevangelium:

Und es waren die Mutter und die Brüder von Jesus gekommen. Sie standen vor dem Haus und schickten jemand hinein, um ihn herauszurufen. Rings um Jesus saßen die Menschen dicht gedrängt. Sie gaben die Nachricht an ihn weiter: „Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir!“ Jesus antwortete: „Wer sind meine Mutter und meine Geschwister?“ Er sah auf die Leute, die um ihn herumsaßen, und sagte: „Das alles hier sind meine Mutter und meine Geschwister! Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter!“

Mehrere Tage nach dieser Begebenheit erreicht Jesus auf nicht näher überlieferter Art und Weise ein Brief seines Ziehvaters Josef, den wir Ihnen hier nicht vorenthalten möchten:


Lieber Jesus,
leider kann ich dich in letzter Zeit kaum noch persönlich antreffen und sprechen, seitdem du mit deinen Freunden – und es wird berichtet es seien auch Frauen dabei - hier im Land unterwegs bist und dich mit der Obrigkeit und den berufenen Autoritäten anlegst. Mein lieber Sohn, was machst du denn da bloß? Du bist ja jetzt erwachsen und solltest wissen, was du da tust, aber wir machen uns schon recht viel Sorgen.
Und der Anlass, weshalb ich dir nun schreibe, ist, dass deine liebe Mutter mir davon berichtete, wie sie dich da neulich unten am See besuchen wollte und du sie einfach ignoriert und regelrecht schroff abgewiesen hast.
Das hat sie so sehr erschüttert, traurig und ratlos gemacht - und mich auch dann sehr, sehr geärgert. Geht man so mit seiner Mutter um? Hat sie das verdient? Sie, die dich aufgezogen hat, die für dich und deine Geschwister alles nur Erdenkliche gegeben und geleistet hat.
Wie kannst du nur so hart sein und sie so brüskieren. Deine Brüder Jakobus, Joses, Judas, Simon und auch deine Schwestern waren dabei und haben diesen ungeheuerlichen Vorgang bestätigt. Und deine Mutter hat sehr, sehr geweint, sie hat das sehr mitgenommen – und zwei Tage mit Migräne im Bett gelegen. Du weißt doch, wie sehr sie sich so etwas zu Herzen nimmt. Warum machst du das?
Wir haben dich in Gottesfurcht und Menschenachtung erzogen, haben dir und deinen Geschwistern auch eine Schulbildung bei den Schriftgelehrten in der Synagoge ermöglicht – auch wenn ich als Zimmermann einigermaßen gut da stehe, ging das doch auch richtig ins Geld. Wir und all die anderen haben dich gelehrt, Gottes Gebote zu achten. Und auch besonders das vierte: ‚Du sollst deine Eltern ehren!‘ Soll das etwa nicht mehr gelten? Ja, du hast da in deiner Schulzeit auch schon das mit den Gesetzen und Geboten zum Leidwesen deiner Lehrer immer wieder hinterfragt, aber jetzt bist du doch ein erwachsener Mann und solltest dich mal nach einem soliden Beruf umsehen.
Ich erwarte, dass du dich bei deiner lieben Mutter für dieses Verhalten da entschuldigst und ihr den gebührenden Respekt entgegenbringst. – Auch wenn du gerade wieder so deine rebellische Phase hast. Lieber Jesus, verstehst du mich?
Dein Bruder Simon hat mir gesagt, dass du bei dem betreffenden Vorfall mit Schriftgelehrten aus Jerusalem und Leuten von der Pharisäer-Partei zusammen warst und ihr heftig debattiert habt. Ja, kann ich verstehen: Da sind ziemlich viel Sturköpfe und Dogmatiker drunter, die nicht mehr zeitgemäß sind und alte Meinungen vertreten und die vor allem denken, was Besseres zu sein.
Klar, das regt mich auch auf. Das weißt du.
Und da stimme ich mit dir eigentlich auch grundsätzlich überein, dass das neue Reich Gottes, was du auch verkündest, vielleicht auch die gesellschaftlichen Strukturen radikal verändert und erneuert. Und vielleicht auch die Sicherheit in der Kleinfamilie nicht mehr so gewichtig ist, weil ein Traum von einer anderen großen ‚Familie‘, einer großen solidarischen Gemeinschaft, in der Gottes Wille geschehe, deine Botschaft ist. Und dass der Besuch deiner Mutter da unten im Haus am See dir genau das Stichwort für deinen Disput mit den Pharisäern und Besserwissern gegeben hat: „Wer sind denn eigentlich Mutter und Geschwister?“.
Ja das war natürlich schon ein starkes Statement. Ohne Zweifel ein starker Satz. Das hat provoziert – und das wolltest du auch. Oder?
Lieber Jesus, pass auf dich auf! Ich verstehe schon deinen Weg, aber ich und besonders deine Mutter und wir alle hier in der Familie machen uns große Sorgen, wenn wir daran denken, wo dich das eventuell hin führt. Pass auf dich auf! Wir lieben dich.
Dein Papa Josef

PS: Deine Mutter hatte bei dem gescheiterten Besuch da im Haus am See eine große Schüssel mit ‚Äpfel in Mandelsoße‘ für dich dabei gehabt. Was doch immer dein Lieblingsessen war. Das steht jetzt hier und wartet auf dich. Mach doch mal Pause auf deiner Tour, komme hier vorbei und lass es dir bei uns mal gut gehen. Wir alle und besonders deine Mama Maria täten uns sehr freuen.



Es grüßen Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn

Sonntag | 30. August 2020

Heute Verse aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther (Kapitel 3):

Wir selbst sind also Gottes Mitarbeiter; Gottes Feld und Gottes Bauwerk allerdings seid ihr. Nach Gottes Gnade, die mir gegeben wurde, habe ich den Grund gelegt als ein kundiger Baumeister. Andere aber bauen nun darauf weiter. Und ein jeder sehe zu, wie er darauf weiterbaut! Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

GRUND GENUG

Nun, der „kundige Baumeister“, wie Paulus sich selbst nicht ganz grundlos in oben zitiertem Brief bezeichnet, weilt schon eine ganze Weile nicht mehr unter uns, da sind auf dem ebenfalls oben erwähnten Grund und Boden immer noch – und wohl auch immer mehr – Baufachleute dabei, grundlegende Überlegungen zu jenem Bauauftrag anzustellen: Architektinnen, Bauingenieure, Planerinnen, Statiker, Mitarbeiterinnen aus Grundbuchamt, aus den Grundschulen und die im Grundgesetzt ausge-wiesenen Funktionäre und Betroffenen.
Der Bauherr, jener vom Baumeister Paulus genannte Jesus Christus, hatte seinerseits das Grundstück zur Verfügung gestellt und mit der Grund-steinlegung gewissermaßen den grundsätzlichen Auftrag erteilt mit der Begründung, hier ein großes Projekt zu entwickeln, das - ganz in seinem Sinne und im Glauben an ihn - Menschen zusammenbringt und im Grunde genommen ein gemeinsames Leben in grundsätzlicher Liebe, Respekt und Gerechtigkeit von Grund auf ermöglicht.

Um dies in aller Gründlichkeit zu projektieren und auszuführen ist unter den Beteiligten ganz bald eine intensive Grundsatzdebatte entstanden, in denen die Grundvoraussetzungen einerseits und die angestrebte Grundausstattung des beauftragten Bauwerks andrerseits heftig verhan-delt wurden. Immer wieder wurden gewaltige Pläne mit im Grunde unterschiedlichen Grundrissen zur Veranschaulichung all der unter-schiedlichen Ideen und Vorstellungen präsentiert. Das Grundmuster war bei allen Entwürfen auch in etwa gleich: Man wollte den Grundgedanken des Bauherren Tribut zollen und ihm mit dem Bauwerk die gebührende Ehre erweisen.

Es wurden zum Teil da große, pracht- und prunkvolle Paläste, Burgen, Dome, Stadtanlagen und dergleichen präsentiert, mit denen der Herrschaftsanspruch des Grundstücksbesitzers beeindruckend gegenüber der gesamten Welt manifestiert werden sollte. Daneben allerdings auch viele im Grunde gegenteiligen Vorschläge: einfache und bescheidene Wohn- und Werksanlagen für eine Vielzahl von Geringverdienenden und sozial Benachteiligten – architektonisch nicht spektakulär aber den Grundbedürfnissen der eher benachteiligten Menschen entsprechend, denen damit gesellschaftliche Beteiligung ermöglicht werden kann.
Und wie im Grunde nicht anders zu erwarten, tat sich ein mächtiger Abgrund auf: Beide Seiten gerieten in ein Grundkonflikt, der das ganze Bauvorhaben nachhaltig in seinen Grundfesten erschütterte. Alle beharrten auf ihren Grundpositionen, hielten die Konzepte der anderen für grundfalsch und gänzlich unakzeptabel.
Es gab zum Teil heftige Streits, Kämpfe, Abspaltungen, Rückzüge, Verfolgungen – ja bis alle Projektbeteiligten im Grunde erschöpft, ratlos, desillusioniert und auch verhärtet in ein tiefgründiges Schweigen verfielen.

Da meldete sich die Stimme eines Baumeisters aus Korinth (siehe oben: Briefadressat!) zu Wort: „Also Paulus hat uns mal in einem Brief geschrieben: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe.“
Lange Pause, fragende Blicke in der Runde.
Und dann: „Guter Grundgedanke! Dann sollten wir doch auf dieser Grundlage dran bleiben.“ Grundsätzliche Zustimmung im gesamten Planungskomitee. Man entspannte sich merklich.
„Und unser Streit?“ „Gehört dazu.“ „O, je! Da wird das Bauprojekt ja niemals fertig.“
„Vielleicht ist ja der Weg das Ziel.“
„Moment mal! Also dieser Satz kommt ja im Grunde genommen von einer völlig anderen Baustelle.“
„Na und? Ist das ein Grund?“

Es grüßen Sie Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn


Sonntag | 23. August 2020

STOLZ, DEMUT - UND DANN?

Im Lukasevangelium, Kap 18, wird berichtet, dass Jesus folgendes Gleichnis erzählt:
Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand da und betete: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie andere Leute, wie Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“
Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug sich an seine Brust und sprach: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“
Ich sage euch: Dieser Zöllner ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht aber jener Pharisäer. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.



Hallo, Herr Pharisäer, bitte noch auf ein Wort!
Gestatten Sie, dass ich Sie anspreche. Ich habe ihr Gebet da eben im Tempel mitbekommen und auch, dass es Ihnen überhaupt nicht gefällt, wie jener Jesus von Nazareth im Nachhinein darüber geurteilt hat. Ich sehe, Sie fühlen sich missverstanden und sind darüber ziemlich verärgert. Sie fasten, spenden, ernähren sich korrekt, achten auf Umwelt und wer weiß was alles. Das ist durchaus vorbildlich und sehr löblich. Es liegt Ihnen viel daran, streng nach den göttlichen Gesetzen zu leben und dadurch Gott zu gefallen. Und das möchte ich auch durchaus würdigen. Und wenn Ihnen vieles davon gelingt, können Sie durchaus darauf stolz sein.
Ich meine, wenn jemand etwas Tolles leistet, wenn etwas Gutes gelingt, kann man darauf schon stolz sein: eine Prüfung bestehen, einen tollen Lebenspartner gefunden zu haben, mit dem Rauchen aufzuhören, durch eine schwere Zeit zu kommen, Kinder erwachsen werden zu lassen, Trennungen geschafft zu haben, mit einem Fallschirm zu springen und und und… Verstehen Sie?
Viel davon ist wirklich eigene Leistung, manchmal aber auch Glück und oftmals auch recht günstige Voraussetzungen und Privilegien – die hat nicht jeder oder bringt nicht jeder mit. Isso!
Ja, Sie orientieren alles, was Sie machen und denken, an Gottes Gesetz. Gut so!
Und da gibt es aber ein Gesetz, also ein ziemlich wichtiges oder eigentlich sogar das wichtigste, im 3. Buch Mose, also in Ihrem eigenen Gesetzbuch, Kapitel 19, Vers 18: ‘Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.‘
Sehen Sie mal, da war der Zöllner da hinten. Also einer, so ein Nächster, von dem Sie sagten, Sie sind froh, nicht zu sein wie er. – Was wissen Sie denn eigentlich von ihm, dass Sie das so feststellen? Wie kam er eigentlich an diesen – ja wirklich unakzeptablen - Job? Wie ist sein Leben gelaufen? Welche Träume hat der noch, welche Perspektiven? Welche Voraus-setzungen bringt er mit? Welche Chancen hatte er, um was anderes zu tun?
Wär doch ne interessante Sache, sich mal mit ihm zu unterhalten. ‚Den Nächsten lieben‘ ist ja auch: ihn erst mal zu verstehen. Verstehen Sie?
Nichts für ungut, schönen Tag noch!

Hallo, Herr Zöllner, bitte noch auf ein Wort!
Gestatten Sie, dass ich Sie anspreche. Ich habe ihr Gebet da eben im Tempel mitbekommen und wollte Ihnen noch sagen, dass mir ziemlich gut gefallen hat, wie Sie einfach so Ihre Lebenssituation vor Gott ausgedrückt haben. Sie sind Zolleintreiber, arbeiten für die römische Besatzungsmacht, die Ihre Mitbürger und Mitbürgerinnen unterdrückt und gnadenlos zur Kasse bittet. Hm. Da gibt es von Ihren Landsleuten keinen Respekt. Im Gegenteil.
Ich habe Sie da hinten in der letzten Reihe im Tempel gesehen. Sie schienen mir nicht so glücklich – als ob in ihrem Leben auch was schief gelaufen sei. Und ich meine auch in Ihrer Haltung wahrgenommen zu haben, dass Sie sich auch schämen, da beruflich gelandet zu sein. Ihre Demut und Ihre Einsicht haben mich berührt. Wirklich!
Aber eins möchte ich da doch noch mal loswerden: Die Einsicht in falsches Verhalten, in falsche Entscheidungen und auch die Scham darüber beinhaltet doch auch, dass Veränderung angesagt ist. Oder?
Also, weiterhin diese Berufssituation aushalten und darunter auch leiden und sich schämen und und und… Das kann doch nicht so weitergehen.
Ja, das spüre ich: Sie fühlen sich nicht stark genug. Verstehe. – Aber jammern und nichts ändern, bringt auch nichts. – Sorry, wenn ich mal so direkt bin.
Da ist noch ein Weg vor Ihnen. Und der ist spannend. Ihr Auftritt im Tempel war schon mal beeindruckend. Gehen Sie den Weg weiter! Dieser Jesus da, der das auch mitbekommen und kommentiert hat, ist auch ganz auf Ihrer Seite. Ganz gewiss!
Nichts für ungut, schönen Tag noch!

Es grüßen Sie Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn



Sonntag | 9. August 2020

DAS GLEICHNIS VOM ANVERTRAUTEN GELD
Jesus spricht zu seinen Jüngerinnen und Jüngern, wie es sein wird, wenn er nicht mehr leibhaftig hier in dieser Welt ist. Unter anderem soll er dies mit folgender Geschichte seinen Leuten illustriert haben:

1000 Silbermünzen für jeden
Es ist wie bei einem Mann, der verreisen wollte. Er rief vorher seine Diener zusammen und vertraute ihnen sein Vermögen an. Jedem gab er 1000 Silbermünzen und sagte zu ihnen: „Treibt Handel, macht etwas daraus, während ich fort bin.“ Dann reiste er ab.
Der erste steckte sofort das ganze Geld in Geschäfte und konnte die Summe verdoppeln. Ebenso machte es der zweite: Zu seinen 1000 Silbermünzen gewann er noch 500 hinzu. Der dritte aber vergrub das Geld seines Herrn in der Erde.

Ein hartes Urteil
Nach langer Zeit kam der Herr zurück und rief die Diener zu sich, um zu erfahren, wie sie mit dem anvertrauten Geld umgegangen sind. Diener Eins und Zwei legten ihren jeweiligen Gewinn vor und wurden vom Herrn gelobt und zu einem großen Festmahl eingeladen. Der dritte, der seinen Geldbetrag nicht vermehrt hatte sagte dem Herrn: „Ich hatte Angst und habe dein Geld vergraben. Hier hast du zurück, was dir gehört.“
Da sagte der Herr zu ihm: „Du unzuverlässiger und fauler Diener! Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es mit Zinsen zurückbekommen! Nehmt ihm sein Teil weg und gebt es dem, der jetzt die 2000 Silbermünzen hat! Denn wer viel hat, soll noch mehr bekommen, bis er mehr als genug hat. Wer aber wenig hat, dem wird auch noch das Letzte weggenommen werden.
Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“

Soweit die Zusammenfassung aus der Bibel – nachzulesen in den Evangelien von Matthäus (Kap. 25) und Lukas (Kap. 19). Und nun gestatten Sie bitte, dass ich diese Geschichte – nicht so ganz bibelgetreu – weitererzähle.

Einspruch und Plädoyer
Der so abgeurteilte Diener wollte das nicht akzeptieren; er nahm sich einen Anwalt, der vor den Herrn trat, Einspruch gegen das von diesem ausgesprochene Urteil erhob und sprach: „Mein Mandant hat sich eigentlich nichts zu Schulden kommen lassen. Er hat das ihm anvertraute Geld nicht veruntreut, sondern sicher in seinem persönlichen Tresor aufbewahrt und korrekt zurück gegeben. Über eventuelle Zinsen oder Spekulationsgewinne gab es keine genauen Absprachen. – Ja, er hätte da vielleicht etwas draus machen können, aber Investment, Geschäfte, Aktien, Fonds und dergleichen sind nicht seine Sache. Zumal er ja auch zu Ängstlichkeit neigt. – Auch ist er diesen kapitalistischen Geldvermehrungen gegenüber höchst skeptisch, da hier finanzielles Wachstum und Gewinne in der Regel auf der anderen Seite Verluste bzw. Verlierer erzeugen. Das kann mein Mandant nicht gut heißen. – Daher fordere ich Freispruch, oder zumindest eine Bewährungsstrafe.“
Die Sitzung wird unterbrochen, der Herr zieht sich zur Beratung zurück.

Prozessbeobachter unter sich
„Und, was hältst du davon? Also mir tut der Diener schon bisschen Leid. Ist doch ein guter Junge, der sich nichts Böses bei allem gedacht hat.“
„Ja, stimmt schon. Aber das ist genau das Problem: Er hat sich nichts dabei gedacht. – Und wenn ich bei den Dingen, die mir anvertraut sind, die Hände in den Schoß lege und den Herrn einen guten Mann sein lasse… Also dann überlasse ich das Geschehen halt anderen. Und das kann Konsequenzen haben. Verstehste?“
„Aber es geht hier doch nur um 1000 Silbermünzen.“
„Ja, aber das Geld ist doch nur ein Beispiel, ein Bild für etwas. – Wir sind doch in einem Gleichnis.“
„Hä, wir sind wo? Verstehe nicht.“
„Ach egal. Vergiss es!“
Pause.

Das Geld und das Gute
„Das Geld steht dafür, dass du was machen kannst. Dass dir der Herr Möglichkeiten und Fähigkeiten gegeben hat, in seinem Sinn damit was Sinnvolles zu machen. Und dieser Diener hat halt nichts gemacht mit dem, was er eigentlich könnte – oder hätte tun sollen. Verstehste? Hat‘s halt so laufen lassen.“
„Machste das jetzt nicht ein bisschen kompliziert?“
„Ja, das ist kompliziert – aber auch wieder ganz einfach: Wenn du willst, dass in der Welt sich was verändert, musst du was tun dafür – und nicht warten, bis vielleicht was passiert. Musst dich engagieren und mit dem, was du kannst und willst, musst dich einbringen. Es langt nicht, für das Gute zu sein und dann warten, ob es vielleicht irgendwann geschieht.“
Pause.
„Bin gespannt, wie der Herr jetzt entscheidet.“
„Ich auch. Wenn’s um die Sache geht, wird er wohl knallhart sein. Wenn’s um den Menschen geht, wird er wohl auch gnädig sein.“
Es klingelt.
„Auf! Die Verhandlung geht weiter.“


Es grüßen Sie Ihre Evangelische Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn



Sonntag | 2. August 2020

Das Thema dieses Sonntags können Sie – falls Sie gerade eine Bibel zur Hand haben - im Johannesevangelium, Kapitel 9, nachlesen: Da wird die Geschichte erzählt, wie Jesus und seine Begleiter auf einen Menschen treffen, der von Geburt an blind ist. Dieser Mensch wird nun von Jesus geheilt. Er kann dann also – nach einigen Umwegen - endlich mit eigenen hellen Augen seine Umgebung und überhaupt die Welt ganz neu besehen und besichtigen.
Johannes schildert hier diese Heilung als ein Beweis für die Göttlichkeit Jesu und lässt diesen schließlich zu den Männern und Frauen, die bei ihm sind, sagen:„Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“


SICHTWEISEN

Solange du in der Welt bist, öffne die Augen
für die Sicht der Dinge, die mich wirklich angehen,
für die Weitsicht auf das, was auf mich zukommt,
für all die Gesichter, in die ich schaue.

Solange du in der Welt bist, öffne die Augen
für die Rücksicht auf die, die es grad nicht besser können,
für die Einsicht in eigene Unzulänglichkeiten,
für Ansichten, die ich erst mal nicht verstehe.

Solange du in der Welt bist, öffne die Augen
bei der Durchsicht der anstehenden Aufgaben,
dass ich dabei die Übersicht nicht verliere
und vor allem eine Zuversicht mich leitet.

Solange du in der Welt bist, öffne die Augen
für eine Vorsicht, wenn ich zu ungestüm,
für eine Nachsicht, wenn ich zu streng,
und dass ich mir bei allem Umsicht bewahre.

Solange du in der Welt bist, öffne die Augen
für deine Absichten und dass wir dabei die Aufsicht
für all die großartigen Aussichten verantwortlich
übernehmen. In allemal jeder Hinsicht.

Solange du in der Welt bist, öffne die Augen,
dass wir dein Angesicht erkennen.


Es grüßen Sie Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn



Sonntag | 25. Juli 2020

Heute als Thema einige Verse aus dem Brief des Paulus an die Hebräer (13, 1-3)
Hört nicht auf, euch einander wie Brüder und Schwestern zu lieben. Vergesst nicht, Gastfreundschaft zu üben, denn auf diese Weise haben einige, ohne es zu wissen, Engel bei sich aufgenommen. Denkt an die Gefangenen, als ob ihr selbst mit ihnen im Gefängnis wärt! Denkt an die Misshandelten, als ob ihr die Misshandlungen am eigenen Leib spüren würdet!



BESUCHSZEIT

Es ist halb drei am Nachmittag, ich komme nach Hause. Hatte ein paar Einkäufe erledigt und ein Rezept beim Arzt abgeholt. Aufgeregt blinkt im Flur das rote Lämpchen am Telefon: jemand hat auf den Anrufbeantworter gesprochen.
„Hallo, hier Gott am Apparat. Du hattest vor ein paar Tagen mich angesprochen, als es dir nicht so gut ging. – Nun, es trifft sich heute ganz gut, ich habe etwas Zeit und bin auch ganz in der Nähe. Ich könnte gerne bei dir nachher mal vorbei kommen und wir könnten uns dann ganz persönlich ein wenig unterhalten. Irgendwie so zwischen drei und vier. Passt das? – Bis dann! Ich freu mich.“

Ach du Schreck!! Da bin ich ja jetzt überhaupt nicht vorbereitet. - Gott persönlich kommt gleich nachher. Um Himmels willen, was mach ich denn jetzt? Da bin ich ja jetzt überhaupt nicht vorbereitet. Und wie es hier aussieht!

Meine erste Aufgeregtheit legt sich etwas. Ich räume das Gröbste, was da herum liegt auf die Seite, in Schubladen und in den Schrank. Halbe Stunde oder vielleicht auch eine Stunde noch Zeit, um mich und meine Wohnung besuchsbereit – also für Gott persönlich besuchsbereit! - zu machen.
Nun, das sollte gehen. Und was kann ich ihm dann anbieten? Was mag der denn so? Na ja, einen Kaffee ja mindestens mal. Fairtrade-Kaffee und -Tee sind da (er soll ja sehen, dass ich schon auf seine Schöpfung achte, so gut es geht). Und dann was dazu? Mag er es eher süß oder doch herzhaft?

Ich ziehe mir wieder die Jacke über – habe ja noch etwas Zeit – und gehe noch mal aus dem Haus, um zwei Ecken weiter beim Bio-Bäcker Croissants und Laugenbrezel zu besorgen. Da müsste ja doch eigentlich was Passendes dabei sein

Ich komme zurück und da sitzen die immer noch – wie fast täglich: Diese vier-fünf runtergekommenen Männer da auf dem Mäuerchen direkt neben der Haustür: kein besonders schöner Anblick, die mit ihren Bierflaschen, ihren Plastiktüten, ihrem Gelumpse und dem latent aggressiven Gehabe. Für heute jetzt bei dem erwarteten Besuch, meine ich, langt es aber mal: „Liebe Leute, so für heute ist jetzt mal Schluss hier. Ich erwarte Besuch und da sollte mal der Zugang hier zum Haus frei sein – und es kann ja auch wirklich euer Aufenthalt hier kein Dauerzustand sein. – Also bitte! Ist nicht bös gemeint, aber sucht euch mal nen anderen Platz!“
Sehr, sehr langsam und widerwillig packen sie zusammen und verziehen sich.

Mit meiner Bio-Bäcker-Tüte betrete ich das Treppenhaus – es ist unterdessen zehn nach drei. Ich bin doch hoffentlich nicht zu spät?
Vor mir die Treppe hoch geht langsam Stufe für Stufe das ältere Ehepaar von oben aus der Mansarde – ich meine sie sind aus Afghanistan, weiß es nicht genau. Sie haben Papiere in der Hand, die sie hin und her reichen und beim Treppensteigen heftig in ihrer Sprache kommentieren und besprechen.
Ich wäre gerne vorbei, zwei Stufen auf einmal, aber das ist jetzt grade nicht möglich.
Auf meiner Etage angekommen erkennen sie mich und sprechen mich an – so gut das mit ihrem Deutsch möglich und verständlich ist: Da gibt es hier einen Brief vom Ausländeramt; aber sie würden das nicht so verstehen, was da jetzt geschrieben ist. Bestimmt sei es für sie sehr wichtig: „Können Sie das mal lesen und uns sagen, was da drin steht. Unsre Tochter, die uns sonst übersetzt, ist nicht da und kommt erst in einigen Tagen. - Bitte!“
Sie halten das Schreiben, die Blätter mir hin und schauen mich fragend an. Nein, bitte das jetzt nicht.
Ich gucke gequält freundlich: „Tut mir Leid. Das passt jetzt grad nicht. Ich erwarte wichtigen Besuch. – Andermal gerne.“
Ich schließe schnell die Wohnungstür auf – jetzt wohnen die doch schon fast vier Jahre hier, da hätten sie ja doch wirklich auch schon mal besser Deutsch… Sorry! Aber egal.

Gott hat sich angesagt. Ich bin schon sehr aufgeregt. Ist alles ok für einen angemessenen Empfang? Kaffee unterdessen durchgelaufen, Teewasser heiß, Wohnung gelüftet, Tisch gedeckt, Brezel und Croissant im Körbchen aus dem Eine-Welt-Laden. Sollte ich noch ne Kerze anzünden?
So. Gott kann kommen.
Es klingelt. Oh, Gott, er ist es. - Ich geh zur Tür. Öffne.

Draußen steht Frau Kleinmann, die alleinerziehende Mutter aus Stockwerk vier mit Timi, dem vierjährigen aus ihrer Kinderschar: „Entschuldigen Sie! Aber schön, dass Sie jetzt da sind. Ich muss dringend mit meinem Jüngsten zum Arzt. Er hat Bauchschmerzen und ist ganz elend. Und da wollt ich fragen, ob jetzt vielleicht der Timi hier mal für die nächste Stunde bei Ihnen… und ich nur mit den beiden andern…?“

Also, das passt grad gar nicht. Tut mir echt Leid…Ich erwarte wichtigen Besuch und kann gerade also überhaupt nicht… Verstehen Sie?“
Sie versteht nicht, aber nimmt es hin. „Ja, verstehe. Dann muss ich das halt anders organisieren…“ Sie wendet sich ab. Ich schließe die Tür. Ja. tut mir wirklich leid. Aber außergewöhnliche Situationen erfordern nun mal außergewöhnliche Maßnahmen. Gott kommt zu Besuch. Da müssen andere Dinge halt mal zurück stehen.

Unterdessen ist es fast vier. Alles ist vorbereitet. Ich warte. Ich erwarte. Hat er doch gesagt: zwischen drei und vier. Ja, ich bin da und warte. Die ganze Aufregung hat mich angestrengt und müde gemacht.

Ich schrecke auf, als der Anrufbeantworter im Flur piepst. Jemand hat drauf gesprochen:
„Hallo, hier ist Gott. Ich hatte mich auf den Besuch bei dir gefreut. Aber ich war drei Mal an deiner Tür und jedes Mal hast du mich weg geschickt. Schade. – Aber wir bleiben im Kontakt.“


Mit dieser eigentlich schon alten Geschichte, die aber immer wieder gern neu und aktuell erzählt werden will, grüßt Sie
Ihre ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau
und Volkmar Hahn

Sonntag | 19. Juli 2020

Thema des heutigen Sonntags ist „Der Missionsbefehl“ aus dem letzten Kapitel des Matthäus-Evangeliums. Ein Befehl? Belehrung? Wie kommt das an? Nun, hier zunächst mal der Text aus der Bibel:
Jesus kam dazu, redete mit seinen Jüngern und sagte: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und lehrt alle Völker: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“


MISSIONSBEFEHL
Ausführungsempfehlungen 20.20


Geht hin: Mir ist gegeben alle Gewalt? Die Macht der Botschaft ist schon allemal gewaltig; hat aber überhaupt nichts mit Gewalt zu tun. Gegenteil! Gewaltlosigkeit – radikal, überzeugend, beeindruckend, unwiderstehlich.

Geht hin: Und lehrt, was ich euch gelehrt, ja, befohlen habe. Wer es nicht mehr zusammen bekommt, lese doch bitteschön mal wieder nach in meiner Bergpredigt! Da steht doch alles drin, was mein „Befehl“, dieser radikale Auftrag, diese engagierte Aufgabe meint. Versteht ihr?

Geht hin: Ja, euch habe ich auserwählt. Ihr seid jetzt gefordert. Aber ihr seid auch verantwortlich. Und ihr seid nicht die Besseren. Es geht hier wirklich nicht darum, sich über andere zu erheben. Sondern es ist gemeint, eine Aufgabe zu erfüllen. In aller Klarheit und dennoch Bescheidenheit.

Geht hin: Und belehrt nicht von oben herab! Schlechte Lehrer und Lehrerinnen haben schon genug angerichtet. Erzählt von dem, was für euch das Leben in der Nachfolge bedeutet.
Reden ist Silber – Leben ist Gold. Lebt unsre Sache! Seid Vorbild!

Geht hin:
Zu allen Völkern. – Aber es muss nicht in Amerika, Asien oder Afrika sein. Nein. Es langt auch, wenn ihr vor eurer Haustür damit beginnt. Andere sind woanders unterwegs.

Geht hin: Und ihr werdet dabei Leute treffen, deren Gott einen anderen Namen hat und von dem andere Geschichten erzählt werden. Ja, so ist es. Aber das solltet ihr einfach annehmen. Ist das denn ein Problem?
Es gibt doch nur den einen Gott: Und der heißt LIEBE, GERECHTIGKEIT, ACHTUNG, BARMHERZIGKEIT, SOLIDARITÄT und HOFFNUNG. Noch Fragen dazu?

Geht hin: Ihr werdet auch Menschen treffen, die mit dem Begriff GOTT nichts verbinden. Respektiert das und entdeckt vielleicht, dass ihr im (heiligen) Geist doch Geschwister sein könnt.

Geht hin: Werbt, streitet, seid engagiert für alles, „was ich euch befohlen habe“! Seid in der Sache kompromisslos. Aber – um Gottes Willen - seid geduldig und gnädig. Vertraut darauf, dass Erkenntnis seine Zeit braucht.
Hört vor allem zu! Stellt lieber Fragen und gebt nicht vorschnelle Antworten. Habt Respekt vor der anderen Meinung!

Geht hin: Und wenn jemand auf eurer Mission getauft werden will, soll das geschehen. Aber wichtiger ist, dass ihr Geschwister im Glauben an die Botschaft werdet, dass das Reich Gottes komme. Dann feiert ein Fest!
Und dann bin ich bei euch - bis an der Welt Ende.

Geht hin: Ach, bevor ich‘s vergesse - haltet Abstand, tragt Maske und beachtet – bei allem Missionsbefehlen – die Hygieneregeln!

Gott segne und behüte Sie!
Es grüßt Sie Ihre ev. Kirchgengemeinde und
Volkmar Hahn


Sonntag | 12. Juli 2020

Biblisches Thema des heutigen Tages: Die Nachfolge Jesu. Die vorge-schlagenen Predigttexte drehen sich heute vor allem um die Berufung der Jünger, um Leute, die sich Jesus in der ersten Zeit seines Wirkens angeschlossen haben. Hier unser Text aus dem Matthäusevangelium im 8. Kapitel:

Da kam ein Schriftgelehrter zu ihm und sagte: Meister, ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.
Ein anderer aber, einer seiner Jünger, sagte zu ihm: Herr, lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben! Jesus erwiderte: Folge mir nach; lass die Toten ihre Toten begraben!



ALLES EINE SACHE DER EINSTELLUNG – Ein Gespräch

„Meister, das, was du da rüber bringst, hat mich voll und ganz überzeugt. Großes Projekt! Ich bin gerade frei und könnte mir vorstellen dabei zu sein.“
„Sehr, sehr gerne. Freut mich. Wir haben noch Platz im Team und sind für jede Verstärkung auf unserer Tour dankbar.“
Pause

„Wollt aber natürlich da noch was ansprechen, von wegen der Bedingungen…“
„Ja, bitte. Nur zu!“
„Also, ich meine, wie sieht es denn aus mit dem Finanziellen?“
„Hmm!“
„Und da wär auch noch zu klären mit den Arbeitszeiten, Homeoffice, den Pausenregelungen und das mit den Überstunden: Abfeiern oder Vergütung? - Verstehst du, Meister?“
„Hmm!“
„Und dann, wie ist es mit Urlaub, Gleitzeitregelung und… auch mit Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Und Betriebsausflug. Ja? - Verstehst du, Meister, man braucht ja so seine Sicherheiten und gutes Betriebsklima.“
„Hmm!“
Pause.

„Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester. Der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“
„Hä? – Versteh nicht.“
„Naja, will sagen: Das alles, was du da ansprichst, ist nicht unser Ding. Das kann ich dir nicht bieten. Unser Projekt passt da nicht in das Schema. Mit solchen materiellen Dingen haben wir nichts…also, das ist nicht unser Ding. Verstehst du?“
„Noch nicht so ganz.“
„Das ist jetzt mal nicht einfach ein Job. - Das ist eine Aufgabe! – Verstehst du: Das hat was mit Aufgeben zu tun.“
„Aha.“
„Mit dem Hergeben, dem Nachgeben. – Klar, bei uns hast du alles, was du zum Leben mal brauchst. Aber das Materielle steht hier nicht so im Mittelpunkt. Bescheidenheit ist eher angesagt.“
„Ach so. – Verstehe. – Aber, was hab ich denn davon, wenn ich bei eurer Tour mitmache? Mein Gott! Was kommt denn da rüber?“
Pause.

„Dass Gott mit dabei ist. Dass sein Reich komme, sein Wille geschehe! – Dass eine gerechte Welt erlebbar wird.“
„Stimmt. - Ja, das will ich ja auch. Das ist es ja, was mich an eurem Projekt interessiert und auch fasziniert.“
„Dann bitte. Steig ein!“
Pause.

„Ja gerne. Aber da wär noch eine Sache: Ich hab erst noch eine Familien-geschichte zu klären, da muss ich noch hin - aber dann bin ich voll dabei. Ja, doch. Verstehst du?“
„Lass die Toten ihre Toten begraben!“
„Wie bitte? Was meinst du?“
„Wir können nur Leute gebrauchen, die voll und ganz dabei sind: kompromisslos und von unserem Weg beseelt.“
Pause.

„Wird das denn dann funktionieren?“
„Ich geb dir mein Wort.“
„Dein Wort der Hoffnung?“
„So ist es!“


Einen herzlichen Sonntagsgruß!
Ihre ev.Kirchengemeinde und
Volkmar Hahn



Sonntag, 5. Juli 2020

Es hätte ja sein können, dass heute im Gottesdienst - falls es denn in diesen Zeiten mal wieder einen gibt - der Pfarrer oder die Pfarrerin den für heute vorgesehenen Predigttext verliest. Aus dem Paulusbrief an die Römer im 12. Kapitel:

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“


Ach ja, lieber Paulus. Schön gesagt.
So einfach soll das sein, soll das gehen?
Wenn mir einer quer kommt, mich beleidigt, betrügt, bedroht, beklaut, misshandelt und werweißwas noch, dann nehme ich das hin?
Ja, was? Bitte, geht’s noch?
Dann soll ich, so verletzt wie ich dann bin, auf Gutes bedacht sein?
In meinem Zorn, meiner Empörung, bei meinem Stolz, meinem Schmerz?!

Schwierig, schwierig! Mein Einspruch will gehört sein.
Beim gerechten Gott! Der soll auf doch wohl auf meiner Seite sein und uns klein Gemachte wieder groß sein lassen.
Das ist doch wohl das Mindeste!

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“


Ja, lieber Paulus, das hört sich gut an.
Aber geht das überhaupt?
Und wenn alle so handeln würden – und könnten – dann
wär das schon…, also, was soll man dazu sagen…?
Ja. Ein bisschen Himmel auf Erden?
Ach was, jetzt werde ich schon etwas sentimental.
Geht das denn? Gibt’s das denn?

Ungerechtigkeiten, Unterdrückung, Ausgrenzung, Gewalt!
Und ich sei auf Gutes bedacht?
Was verlangst du von mir? Wer bin ich, der sich so oft klein gemacht fühlt?

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“


Ja, danke! Ich höre dich ja.
Und wenn ich dann doch mal hinter aller Empörung so nachdenke, dann hört sich das ja eigentlich nicht schlecht an:
Stimmt schon. Wenn immer nur drauf gehauen und zurückgeschlagen wird, gibt’s kein Frieden.
Dann geht’s immer weiter und den Bach runter.
Richtung Hölle.

Und wir wollen doch den Himmel. Ja, doch! Irgendwie.
Paulus, hilf!

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“


Ja, vielleicht verstehe ich jetzt was.
Lieber Paulus, der Plan ist ja eigentlich wirklich gut.
Es klingt so einfach.
Aber können wir Menschen das? Das, was so einfach klingt, aber so schwer zu machen ist?
Du sagst: Ja, mit Gottes Hilfe.
Gott, der wahrhaftig Größe lebt und zeigt - als er klein gemacht wurde.
Das ist also der Weg?!
Aha! Ach so!

Gott, gib uns Mut und Kraft, Fantasie und deinen Segen dazu.

Es grüßt Sie
Ihre Ev. Kirchengemeinde Klein-Gerau und
Volkmar Hahn


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